Familie Glückauf

Emigration


nach Amsterdam und weitere Schicksalsschläge


Der Bergmann, KPD-Redakteur und -Instrukteur Erich Glückauf hatte 1925 die Genossin Gertrud Meier geheiratet. Sie war Hutmacherin und stammte aus einer orthodoxen jüdischen Familie in der Nähe von Soltau. Kennengelernt hatten Erich und Gertrud sich bei einem jüdischen Wanderverein. 1927 wird Sohn Rolf geboren, der die Nazidiktatur mit seiner Mutter in der Sowjetunion überlebte, wo seine Mutter russischen Militärs zur Vorbereitung ihres Einsatzes in Nazi-Deutschland Deutschunterricht erteilte. Gertrud Glückauf war von Herbert Wehner als unzuverlässige Person denunziert worden, was ihre Lage nicht erleichterte. Im Jahr 1946 kehrte sie nach Ost-Berlin zurück und arbeitete bei Wilhelm Pieck als Sekretärin; der Sohn Rolf war als Botschaftssekretär an DDR-Botschaften verschiedener sozialistischer Länder und später im DDR-Außenministerium tätig. Erich Glückauf hatte seine Frau und den kleinen Rolf noch einmal in Moskau im Hotel „Lux“ getroffen. Das war im Mai 1934. Bis Ende des Krieges agierte Erich Glückauf als illegaler KPD-Aktivist in verschiedenen Ländern Europas gegen die Nazi-Diktatur. Seine Ehe mit Gertrud, die er fast 13 Jahre nicht mehr gesehen hatte, wurde 1947 geschieden. Noch im gleichen Jahr heiratete er Edith Jordan, die seit 1933 der KPD angehörte und 1912 als Tochter eines 1941 in Danzig hingerichteten Parteifunktionärs geboren wurde.15

Das Ehepaar Julius und Johanna Glückauf emigrierte mit der damals 18jährigen Tochter Ilse im September 1933 nach Amsterdam. Die Söhne Paul und Werner folgten ebenfalls nach Holland.
REisepass Paul Glückauf 400Am 10.9.1936 heiratete Paul in zweiter Ehe Irma Schack aus Zwingenberg.16 Paul war zusammen mit seinem Bruder Erich, der Irma Schack bereits 1934 in Saarbrücken kennengelernt hatte, zunächst nach Paris geflüchtet, wohin Irma Schack ihnen folgte. Weil Paul und Irma in den Niederlanden keine Aufenthaltserlaubnis erhielten, bemühten sie sich um eine Ausreise in die USA, wohin sie im Juni 1937 auf einem belgischen Frachter gelangten. In New York wurde am 18.1.1940 die Tochter Joan geboren und am 16.2.1945 kam Sohn Peter zur Welt, der schon im Kindesalter von 15 Jahren verstorben ist. In der neuen Welt war es für Paul Glückauf nicht leicht, in seinem früheren Beruf als Verkäufer Fuß zu fassen. Bei einer U-Bahnfahrt erlitt er einen Herzinfarkt, an dessen Folgen er wenige Tage später am 15.12.1951 im Alter von nur 45 Jahren in einem New Yorker Krankenhaus starb. Irma Glückauf arbeitete einige Jahre als Verlagsassistentin in einem großen Buchverlag und starb am 4.10.1999 in einem Pflegeheim. Joan Glückauf, Verheiratete Haahr, wurde Professorin für Englisch an der Jeshiva University in New York und beschäftigt sich seit ihrer Emeritierung intensiv mit der Geschichte ihrer Familie. Der von Erich Glückauf mehrfach geäußerten Behauptung, ihr Vater / sein Bruder Paul sei ebenfalls bis 1933 in der KPD organisiert gewesen, widerspricht die Tochter entschieden.17

Werner Glückauf arbeitete 1926/27 in Bottrop als Kaufmann, emigrierte am 8.6.1933 in die Niederlande, wo er die aus Berlin stammende Selma Mingelgrün (geb. 30.8.1919) heiratete. Beide wurden 1942 nach Auschwitz deportiert, wo Werner am 11.8.1942 und seine Frau Selma am 30.9.1942 ermordet wurden.
Dass Julius Glückauf in Holland wieder geschäftlich tätig wurde, ist kaum anzunehmen. Zu seiner Mutter, die Erich in Amsterdam während seiner Illegalität nochmals kurz aufsuchen kann, schreibt er: Mutter war auch hier der Mittelpunkt der Familie. Um alle ernähren zu können, hatte sie das größte Zimmer frei gemacht und einen Mittagstisch eröffnet, zu dem sich nach einiger Zeit regelmäßig acht bis zehn Personen einfanden. Mutter kochte gut. Ihr Essen war billiger als das anderer Mittagstische.18

Bei diesem Kurzbesuch erfährt Erich auch, dass sein Vater sterbend im Krankenhaus liegt. In dem für seine Erinnerungen typischen Stil reflektiert Erich Glückauf diese Nachricht Jahrzehnte später: Tiefe Trauer empfand ich darüber, daß Vater soviel Schweres durchmachen mußte, um erst auf dem Totenbett zur Erkenntnis zu kommen, daß sein Weg als Sozialdemokrat falsch und meiner als Kommunist der richtige gewesen war. Tragisch, daß diese späte Einsicht verknüpft war mit dem Ende seines Lebens.19 Bei einem konspirativen Treffen mit einem Genossen wurde Erich wenige Tage später verhaftet und konnte als Illegaler nicht einmal Kontakt zu seiner Familie aufnehmen. Bald schon taucht seine Mutter im Gefängnis auf und teilt ihm den Tod des Vaters mit. Gestorben war Julius Glückauf am Morgen des 5. August 1939. Erich darf sogar mit einer „Kolonialfessel“ an der Beerdigung des Vaters teilnehmen. Hinkend trug ich mit drei anderen den Sarg des Vaters das letzte Stückchen bis zum Grab, wobei sicherlich der Kummer der Trauernden nicht nur dem Verstorbenen galt, sondern auch dem Anblick des ältesten Sohnes, der sich nur mühsam und quälend vorwärtsbewegen konnte. Mutter traf ich nicht, sie war allein in der Wohnung geblieben. Ich sollte sie nie wiedersehen.20

Erich Glückauf berichtet in seinen Erinnerungen, seine Mutter sei von Gestapoleuten einmal um die Mittagszeit aufgesucht worden, um herauszufinden, wo er sich aufhält; sie habe sich aber geweigert etwas zu sagen: Eine Mutter verrät ihren Sohn nicht, auch nicht, wenn sie weiß, wo er ist. Daraufhin hätten die Herren ‚kurzen Prozeß’ gemacht und die Mutter in der Küche aufgehängt.21
Wahrscheinlicher und besser belegt ist, was Lotte Dukamp mitzuteilen weiß. Nach der Deportation des Sohnes Werner und seiner Frau Selma versuchte Johanna Glückauf sich in ihrer Wohnung zu erhängen. Selmas Bruder schreibt in einem Brief vom 26.2.1943 an Paul Glückauf22 aus Amsterdam nach New York: Leider kann ich Ihnen von Ihrer Mutter nicht viel Gutes berichten (…) so will ich mich jetzt der unangenehmen Aufgabe entledigen, da es der ausdrückliche Wunsch des Arztes war, womöglich, einem der nahen Verwandten, den wahren Zustand Ihrer Mutter mitzuteilen. Sie können mir glauben, daß es mir sehr schwer fällt, Ihnen das alles zu schreiben, aber Sie sind der Einzige, der für mich erreichbar ist.
Bereits vor über 2 Monaten hat Ihre Mutter probiert, sich in einem unbeobachteten Augenblick durch Erhängen das Leben zu nehmen. Die Einsamkeit und die stetige Angst, zu Werner zu müssen, hat sie wohl dazu getrieben. Meine Mutter fand sie bewußtlos auf, nur ein herbeigerufener Arzt ließ sie in eine Klinik transportieren. Aber es wäre für Ihre Mutter sicher besser gewesen, wenn meine Mutter sie nicht so schnell gefunden hätte, denn durch das Erhängen ist eine Gehirnblutung zugetreten, wodurch sich ihr allgemeiner Zustand nur noch verschlimmert hat, so daß Überbringung in eine Anstalt für Geisteskranke notwendig war. Sie befindet sich bereits über 2 Wochen in Amersfoort (…). Der Arzt hat leider feststellen müssen, daß wenig Hoffnung auf Besserung besteht.23

Das war noch nicht das Ende der Qualen für die intelligente und allseits beliebte Johanna Glückauf. Im Laufe des Jahres 1943 wurde sie nach Osten deportiert und sehr wahrscheinlich im KL-Majdanek (Lublin) ermordet.24
Ilse Glückauf war wie ihr Bruder Paul bereits 1937 mit ihrem Mann Kurt Kratz in die USA emigriert. Aus der Ehe gingen keine Kinder hervor. Zunächst arbeitete Ilse als Reinigungskraft und gegen Ende des Krieges meldete sie sich freiwillig bei der US-Armee als Übersetzerin und ging für einige Monate nach Deutschland. Gestorben ist Ilse am 26.2.2004. Ihr Mann Kurt arbeitete bei verschiedenen US-Firmen als Manager. Er verstarb 2007 im Alter von 94 Jahren in San Diego, wo das Ehepaar zuletzt gewohnt hatte. Ilse und Kurt hatten wiederholt den in Ostberlin-Grünau lebenden Erich Glückauf – trotz der nicht auszuklammernden ideologischen Gegensätze – besucht und auch an dessen Beerdigung am 9. Mai 1977 auf dem Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde teilgenommen.25 Die Erich Glückauf gewidmete Straße in Berlin-Marzahn wurde nach der Wiedervereinigung nach dem SED-Kritiker Robert Havemann umbenannt.


 

15 Der Verfasser dankt der Enkelin von E.G., Sonja Wolfermann, für diese Auskünfte, die hier ergänzt wurden mit E.Gs. Angaben in seiner „Kaderakte“ (wie Anm. 2), vgl. auch Erinnerungen 1976, S. 261.

16 Irma Schack wurde am 26.11.1912 als eines von fünf Kindern des Metzgers Moritz Schack und seiner Frau Martha geboren. Nach dem 1. WK verarmte die Familie, weil der Vater wegen einer Handverletzung nicht mehr seinen Beruf ausüben konnte. Die begabte Tochter Irma lebte seit 1930 im Saargebiet als Fremdsprachenkorrespondentin einer pharmazeutischen Firma, wo sie auch Paul Glückauf kennenlernte. Umfangreiche Angaben zum tragischen Schicksal der Familie Schack hat Dr. Fritz Kilthau dem Verfasser dankenswerterweise übermittelt, veröffentlicht in: Ders., Mitten unter uns: Zwingenberg an der Bergstraße 1933-45. Geschichtsblätter Kreis Bergstraße. Sonderband 21, Lorsch 2000.

17 Vgl. „Kaderakte“; in den Erinnerungen 1976, S. 7 nennt er ihn vermutlich korrekt Antifaschist, der aus dem Hitlerreich fliehen mußte. Die Angaben von E.G. zur eigenen Familie in seiner Autobiografie sind nicht immer genau und in der „Kaderakte“ deutlich ideologisch gefärbt. Die erste Einschätzung erklärt sich vermutlich daraus, dass E.G. auf Grund seines stark von der Parteiarbeit bestimmten Lebens schon vor 1933 wenig Zeit für seine Herkunftsfamilie hatte und vor allem die KPD als „seine Familie“ (vgl. Erinnerungen 1976, S. 211) betrachtete. Die Zeit nach 1933 (Illegalität, Exil) war ebenfalls wenig günstig zur Pflege von Familienkontakten. Mit dem Vater hatte sich der Jungkommunist schon Anfang 1919 politisch überworfen (vgl. Erinnerungen 1976, S. 21). Von einem herzlichen Verhältnis zu seiner Mutter zeugt hingegen seine Autobiografie. In der „Kaderakte“ wiederum achtete der SED-Parteifunktionär peinlich genau darauf, politisch korrekt zu formulieren. Auch wenn er zur Schwester Ilse schon aufgrund des Altersunterschiedes wenig Beziehung haben konnte, so gibt E.G. dort vor, nichts von ihrer Wohnanschrift zu wissen, und beschränkt sich auf die Angaben: 1933 emigriert, wahrscheinlich Amerika. Eher nachvollziehbar ist die Ungenauigkeit seiner Angaben zum Schicksal der Familienangehörigen (z.B. zu Bruder Werner) in den frühen Fragebögen („Kaderakte“) aus den Jahren 1946, 1949 und auch 1954.

18 Erinnerungen 1976, S. 339. Damals wohnte die Familie Glückauf mit ihren Kindern (außer Erich) in Amsterdam-Zuid in der Waalstr. 80, wie aus einem Schreiben der „STICHTING JOODSE ARBEID“ an Otto Ernst Kann (geb. 1910) hervorgeht, der bei Glückaufs für einige Zeit als Mieter untergekommen war, bevor er in das Werkdorp Nieuwesluis übersiedelte. Dass der jüngste Sohn von Lehrer Julius Kann aus Wittlich die Familie Glückauf aus Deutschland kannte, erscheint eher unwahrscheinlich.

19 Erinnerungen 1976, ebd.

20 Ebd., S. 343. Die „Kolonialfessel“ war ein langer Stock, der unter der Kleidung vom Fußgelenk bis zu den Leisten festgeschnürt wurde, so dass ein schnelles Gehen oder gar ein Flüchten unmöglich waren.

21 Vgl. ebd., S. 403f. Hier stilisiert E.G. seine Mutter in der Art einer Widerstandskämpferin und hebt die Brutalität der Gestapo hervor. Seine Version stützt er auf einen Brief einer Holländerin, die Teilnehmerin an Johanna Glückaufs Mittagstisch gewesen sein soll. Nähere Personen- und Zeitangaben macht er nicht. Solche Ungenauigkeiten unterlaufen E.G. nicht selten und wurden u.a. von SED-Mann Karl Mewis gegen Glückaufs Erinnerungsbuch (vgl. Anm. 25) vorgebracht; so korrigiert Mewis: Erich G. lebte doch legal in Schweden, was der Gestapo bekannt war. Wie sollte die Gestapo ihn in Holland suchen? (zit.: Kritik von Mewis, in: Nachlass E. G. BA NY 4200/9).

22 Dr. Joan Haahr hält es auch für möglich, dass der Brief an Erich Glückauf in Schweden gerichtet war und von dort in die USA an Paul Glückauf weitergeschickt wurde. Da die Mutter Johanna sowohl mit ihrem Sohn Erich (in Schweden) als auch mit Paul (in den USA) in regem Briefkontakt stand, waren die Anschriften untereinander bekannt.

23 Der Verfasser dankt Frau Lotte Dukamp (vgl. Anm. 12) für die Überlassung einer Kopie des Briefes. Der umfangreiche Briefwechsel von Johanna Glückauf mit ihren Kindern Paul und Ilse wird zurzeit von Paul Glückaufs Tochter Dr. Joan Haahr (N.Y.), der Halbschwester von Lotte Dukamp, ausgewertet.

24 Angaben nach der Datenbank von Yad Vashem, hinterlegt von Dr. Joan Haahr 1997.

25 Das abwechselungsreiche Leben von Erich Glückauf muss einer späteren Darstellung vorbehalten bleiben. Dabei wäre auch näher auf den Quellenwert seiner Autobiografie und die politischen Umstände des Verbots 1977 in der DDR (u.a. auf Grund einer Intrige von SED-Funktionär Karl Mewis beim Politbüro mit einer umfangreichen „Fehlerliste“ zu den Erinnerungen) und E.Gs. antifaschistischen Kampf (Mitarbeiter des „Deutschen Freiheitssenders 29,8“, Exil in Skandinavien, Begegnung mit dem „Verräter“ Herbert Wehner) und seine linientreue Tätigkeit als SED-Funktionär (mit dem weitgehenden Verschweigen seiner jüdischen Herkunft) einzugehen. Eine biografische Skizze zu E.G. in: Hermann Weber/Andreas Herbst, Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, S. 250f.


 

Franz-Josef Schmit

Der Verfasser dankt vor allem Frau Lotte Dukamp und Frau Dr. Joan Haahr für Auskünfte, Bereitstellung von Fotos und persönliche Begegnung im April 2012 in Marktheidenfeld und kann nur bedauern, dass die gegenseitigen Kontakte nicht schon früher bestanden haben, als beide Frauen mit ihren Familien in Wittlich nach Spuren ihrer Großeltern und des gemeinsamen Vaters gesucht haben

Zugriffe: 2460